Swing aus dem alten Europa in der Waldorfschule

Die Hot Club Harmonists präsentieren eine musikalische Europareise

Der Arbeitskreis Konzerte (AKK) lud zum letzten Konzert des Jahres ein. Um die achtzig Musikfreunde folgten der Einladung und fanden am Samstagabend den Weg zur Waldorfschule Böblingen, um in der Mensa den swingenden und filigranen Klängen einer einzigartigen Band zu lauschen.

Die Hot Club Harmonists aus dem Raum Tübingen/Stuttgart, schon längst überregional bekannt, haben sich eine eigene Repräsentation europäischer Musik auf ihre Fahnen geschrieben. Django Reinhardt, der große französische Gitarrist und Komponist der 30er-Jahre stand offensichtlich Pate für den Swing, den die Band in vorzüglicher Manier „europäisiert“. Neben Reinhardt-Kompositionen, wie „Swing 39“ oder Fapy Lafertines „Fleur de Lavende“, verstehen es die Harmonists nämlich in hohem Maße diesen französisch/belgischen Gypsy-Groove mit traditioneller osteuropäischer Musik zu verknüpfen, ohne diese zu entfremden. Zur Überraschung einiger rumänienstämmiger Gäste wird auch deren Heimatland bereist und die Freude ist ihnen ins Gesicht geschrieben, als Sängerin Katalin Horvath mit der Combo „Hora Moldovenesca“ anstimmt. In den hinteren Reihen der Mensa hält es schließlich einige Rumäninnen nicht mehr auf den Stühlen, denn in Rumänien ist das auch Tanzmusik. Unterstreichend fasst Besucherin Gaby Heydkamp aus Ehningen die Stimmung des Abends so zusammen: „ Die Instrumentalisten sind unglaublich flink und mitreißend. Die Sängerin nahm mich mit auf eine Reise in die Gefühlswelt von Ethnien, zu denen ich sonst wenig Zugang habe!“ Hot Club Harmonists besticht neben bewundernswerter Instrumentenbeherrschung vor allem aber auch durch souveränes Timing und Dynamik. Die beiden Giarristen Frank Wekenmann und James Gayer ergänzen sich perfekt. Wekenmann, der die Stücke arrangiert, spielt überaus kreative Soli und ist ein Fuchs, was kurz eingestreute Semiakkorde oder Flageoletts anbetrifft. Seine Finger tanzen oft in irrwitzigem Tempo über die Saiten. Dabei wirkt alles unangestrengt. Gayer ist dabei keineswegs nur der „Rhythmusknecht“, den es für Gypsy-Swing ja durchaus benötigt, sondern präsentiert sich bei einigen Stücken als stimmungsvoller und innovativer Solist, wenn er sich zum Beispiel der Oktavtechnik eines Wes Montomerys bedient. Matthias Buck lässt seine Geige jubilierend singen, wenn er spielerisch in höchste Lagen vordringt und seinen flinken Fingern scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Dabei präsentiert er seine Spielkunst immer mit lächelnder Miene, wie auch seine schauspielerische Einlage bei „Je ne veux pas travailler“, was man auf Schwäbisch wohl am besten mit „I han koe Luscht zom Schaffe“ übersetzen würde. Er legt sich entspannt auf eine Kommode neben der Bühne und lässt seine 4 Mitmusiker ohne ihn arbeiten. Fehlt nur noch das Glas Rotwein, welches ihm vom Veranstalter schließlich auch gereicht wird. Vor der Pause „behütet“ er sich mit einem Cowboyhut und unterstreicht damit sein „Fiddle“-Spiel, als die Truppe mit einer dampflokbetriebenen Eisenbahn durch den Wilden Westen zu rasen scheint, angetrieben durch das perkussive Kontrabass-Spiel Steffen Hollenwegers. Als Bassist meist harmonisch verbindend im Hintergrund, kann er bei der Interpretation einer Serge Gainsbourg-Nummer so richtig in die Vollen greifen. Dass die Truppe neben Gypsy und Balkan auch Latin kann, zeigt sie nach der Pause bei Dorado Schmitts „Bossa Dorado“ oder Reinhardts „Troublant-Bolero“. Katalin Horvath, die nicht bei jedem Stück auf der Bühne steht, lebt vor allem in den Liedern aus Serbien, Rumänien, Russland oder Ungarn. Da kann sie ihrem Temperament freien Lauf lassen. Schließlich hat sie ungarische Wurzeln. Die Band versteht es, diese zu wässern und damit ihren Gesang zum Blühen zu bringen. Nach einer zweieinhalbstündigen Reise durch Europa kommt Hot Club Harmonists bei der frenetisch geforderten Zugabe dem Wunsch einer Besucherin nach: Ein ungarischer Csárdás. Dieser beschließt den Abend mit einer sympathischen Truppe, die sich in die Herzen ihrer Zuhörer gespielt hat.

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