Verbrennungen – Klassenspiel der 11. Klasse

Verbrennungen nach dem Stoff von Wajdi Mouawad

„Menschen schießen aufeinander und keiner weiß, warum. Das ist Krieg“.

Die Theaterstücke der Waldorfschule generell sind absolute Highlights, und vielleicht sogar das Herzstück der anthroposophischen Pädagogik an dieser wunderbaren Schule. Zumindest die Aufführungen der 11. Klassen erreichen jedoch ein Niveau, das sie für mich in den ernstzunehmenden Theaterbetrieb der Region erhebt. Sowohl was die Auswahl anspruchsvoller Stoffe betrifft, als auch die Leistungen der Schülerinnen und Schüler.
Ton, Technik, live Klavierbegleitung, die Theaterkulisse, handgenähte arabische Kostüme, (vielen Dank Frau Rall!), das ist schon professionell.
Meisterregisseur Lucas Amerbacher bezieht den ganzen Theaterraum mit ein, so wird ein Gefangener den ganzen Gang entlang geschleift und vor den Augen der Zuschauer „erschossen“, das Geschehen kommt bedrückend nah.
Riesige, transparente, räumlich versetzte Stoffbahnen hängen von der Decke, fangen gebrochen die Beamer-Projektion der kargen Landschaft des Libanon auf, der Gerichtsverhandlung, und des Gefängnisses, in dem auch Nawal untergebracht ist, „die Frau, die singt“.
Die singt, obwohl ihr der erste Sohn aus „Schande“ und „Ehre“ von der Familie gleich nach der Geburt weggenommen wurde.
Die singt, obwohl sie im Gefängnis vergewaltigt wurde.
In ihrem Testament beschied sie, daß sie nackt mit dem Gesicht nach unten begraben sein wolle – bis ihre Zwillinge ihren Halbbruder und ihren Vater gefunden hätten.
Ihr Halbbruder indessen wurde zum Kindersoldaten ausgebildet, er hatte – ohne es zu wissen – seine eigene Mutter vergewaltigt und aus dieser Vergewaltigung sind sie entstanden!
Der gesuchte Bruder und der „Vater“ sind eins.

Man sollte nicht unterschätzen, wie junge Menschen, die ja keine professionelle Theaterausbildung genossen haben, allein durch echtes Gefühl und ihre persönliche Betroffenheit die Herzen der Zuschauer berühren und erschüttern können.
Krieg verroht die Menschen bis zur Unkenntlichkeit.
Parallelen zur weltweiten Situation der Menschheit brauchen hier leider nicht konkret aufgezeigt zu werden, hoffentlich lernen wir und vergessen nicht, was Krieg bedeutet, gerade in Deutschland!
„Wo Liebe ist, da kann kein Haß sein“. Ja, so einfach ,,wäre-ist“ die Rettung aus diesem Inferno.

Bei brennender Hitze fand das Schauspiel „Verbrennungen“ statt. Natürlich muss hier noch der Dank der feinen jungen Menschen erwähnt werden, in den das Stück nach dem betörenden Schlussapplaus gleichsam besänftigend hinüber gleitet, der Dank an Regisseur Lucas Amerbacher, der aus seiner eigenen Intention und Betroffenheit keinen Hehl macht. Aber die Schüler haben die Message dermaßen seriös herübergebracht, dass die Glanzleistung der ganzen Schulgemeinschaft wie selbstverständlich erscheint und gleichsam fast in den Hintergrund rückt. Es geht dieser Schule um mehr!
Nachdenklich gehen die Menschen nach Hause, während von der benachbarten Panzerkaserne ein prachtvolles Feuerwerk im Himmel verbrennt, denn für Militär ist ja immer Geld da.

Wolfram Kunz

Verbrennungen – Klassenspiel der 11. Klasse